Freitag, 15. März 2013

Farväl!


Gewisse Plätze, spezielle Plätze, haben es vielleicht an sich, dass man zu ihnen zurückkehrt, ohne es eigentlich geplant zu haben. Als ich im Oktober in Stockholm die Markuskirche entdeckt habe, bin ich tags darauf noch einmal hingefahren, um sie mir in aller Ruhe noch einmal anzuschauen. Aber dass ich nur wenige Monate später dorthin eingeladen werde, das wäre mir damals nicht im Traum eingefallen. Und dann dieser Anlass...

"Ich wünsche mir ein Heim mit einem Kamin, in dem man richtig Feuer machen kann. Ich wünsche mir eine Schulter, an die ich mich immer anlehnen kann. Und ich wünsche mir einen Glauben, der mir Kraft und Trost und Orientierung gibt." All das ist für sie in Erfüllung gegangen. Vor dem Kamin mit dem schönen Feuer drin habe ich ein paar Mal gesessen und mit der Schulter und dem dazugehörenden Mann, einem äußerst sympathischen Jämtländer, habe ich mich immer sehr gern unterhalten. Ilse, eine Frau aus dem Ruhrpott, die irgendwann in den Siebzigern nach Schweden gegangen war, um dort Physiotherapeutin zu werden, hatte ihre Schulter in einer Baptistengemeinde in Borås kennengelernt. Seit 1984 haben sie dann in Skarpnäck gewohnt, wo sie von da ab im Keller ihre Patienten empfangen hat. Diese Arbeit war ihre Passion.

Ich hatte die beiden kennengelernt, als ich irgendwann das mit dem Schreiben der Weihnachtskarten in die Hand genommen habe. "An wen schreibst du eigentlich immer Weihnachtskarten?", hatte ich Herrn Möwe gefragt. Da kannten wir uns noch nicht so lange. "Ich schreibe schon ewig keine Weihnachtskarten mehr…" – "Aber wenn du es machen würdest, wem würdest du dann schreiben?" Und dann hatte er unter anderem von Ilse und Lennart erzählt. Ja, und weil sie auch so ein deutsch-schwedisches Doppel sind, bin ich damals ziemlich neugierig geworden, und so haben wir uns fast jedes Mal mit ihnen getroffen, wenn wir in Stockholm waren. Diese Treffen haben mir immer sehr gut getan. Ihre Kraft und ihr fröhlicher Optimismus, und seine Ruhe und sein feiner Humor. Zwischendurch haben wir uns Bücher geschickt, deutsche und schwedische, hin und her. Ja, und Briefe. Richtige Briefe.

Jetzt zu Weihnachten ist auch ein Brief gekommen. Aber da war es plötzlich seine Handschrift und nicht ihre, und das war sehr ungewöhnlich. In dem Brief berichtete er von der Krankheit, die wieder ausgebrochen war. Ganz überraschend und ganz aggressiv. Und dass sie nun nicht mehr schreiben könne, aber ich könne gerne anrufen. Vor dem Anrufen war mir ein bisschen bange, aber dann war ich sehr überrascht, als sie am Telefon beinahe wie immer klang, trotz der vielen Metastasen im Kopf, und ich solle ihr ja was Lustiges erzählen, von meinem Enkel zum Beispiel, und was er wieder so angestellt und rausgehauen hätte. Und dann berichtete sie von ihrer Nachbarstochter im gleichen Alter und wir haben vor allem viel gelacht. "Hoffentlich dauert es nicht so lange, und hoffentlich kann ich zu Hause sterben", hatte sie dann noch gesagt.

Nein, es hat nicht so lange gedauert und sie ist wirklich zu Hause gestorben. Der liebe Mann mit der Schulter hat ihre Hand gehalten und ihre letzten Worte waren auf Schwedisch.






Die Beerdigung heute war besonders, gar nicht so schrecklich schwermütig, weil nämlich die meisten der Gäste tief gläubig sind. Für sie ist Ilse nun auf dem Weg, und die Lücke, die sie im Diesseits gerissen hat, ist für diese Menschen irgendwie eine andere als für uns, die wir diesen Glauben nicht haben. Ein Nachbarsjunge, heute selbst schon Papa, erzählte, wie er einmal die Blumen gießen sollte, als die beiden im Urlaub waren. Er war sehr pflichtbewusst und vor allem darauf bedacht, das Gießwasser immer sehr gerecht zu verteilen. "Ja, prima!", sagte Ilse, als sie aus dem Urlaub zurück war. "Mal sehen, ob unsere Kunstblumen im Bad nun auch ausschlagen."


 Lennart



Varje dag är en oskriven saga

som präntas när timmarna går, 

vår vishet är ringa och sagan 

har mycket vi inte förstår.





* * *





Kommentare:

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Tack ska du ha,
kära Keri,
för ditt inlägg, dina tankar.
De gör mig tyst och tankfullt...

Varma hälsingar till dig
Hausfrau Hanna

Keri hat gesagt…

Ja, man denkt über vieles nach bei so einem Anlass.

Ach, sie wird mir fehlen! Und nun habe ich wieder niemanden, mit dem ich RICHTIGE Briefe schreibe... Das wird mir auch fehlen.

Ganz herzliche Grüße
Keri