Dienstag, 20. Mai 2008

Das Lied vom wilden Mohn


Der wilde Mohn wächst nicht im Garten,
Stirbt, wenn man sich ihn fangen will.
Sein Duft nach Sturm, nach hagelharten
Eistränen und nach langen Schatten
Macht sehnsüchtig, hält nicht still.

Das ist das Lied vom wilden Mohn.
Wer kennt das schon
Vom wilden Mohn?
Der wächst nicht irgendwie.
Der wächst doch nur in heißer Zeit
Und meilenweit
In heißer Zeit,
Und stirbt auch meist sehr früh.

Da, Lieb, die fetten Blütenblätter
Steck sie ins Haar, steck sie ins Haar!
Die Wolken bringen ander Wetter,
Der Sommer geht, die Lieb wird fetter,
Stirbt uns vorm Januar.

Das ist das Lied vom wilden Mohn.
Wer kennt das schon
Vom wilden Mohn?
Der wächst nicht irgendwie.
Der wächst doch nur in heißer Zeit
Und meilenweit
In heißer Zeit,
Und stirbt auch meist sehr früh.

Genossen, diese heißen Jahre
Brennen in Spanien, Italien noch mehr!
Kämpfend zerraufen wir unsre Haare.
Ach diese Röte macht träumend! Die Jahre
Laufen dem wildesten Mohn hinterher.

Ist das das Lied vom wilden Mohn?
Kennst du das schon
Vom wilden Mohn?
Der wächst nicht irgendwie!
Der wächst doch nur in heißer Zeit
Und meilenweit
In heißer Zeit,
Und stirbt er denn wirklich so früh?

Hans-Eckardt Wenzel (1977)


Rügen, Pfingsten 2004


Schreib Lieder, sagen die Gedichtemacher, schreib Gedichte, sagen die Liedermacher. Schreib Prosa, fordern die Essayisten. Hör auf zu schreiben, sagen ganz andere. So ein Durcheinander (unseriös!), eine Mixtur der Genres, fließende Grenzen. Hat der Mann keinen Standpunkt, fragen die Vertreter poetischer Statik.
Kennen Sie Chiron? Den fabelhaften Centauren, halb Pferd, halb Mensch. Zerrissene Doppelexistenz, an der wir uns mitleidend erbauen - weil wir doch, ach, so einig in uns selbst ruhen.
Daß wir uns bloß nicht irren, sagt W., scharrt mit den Hufen und kippt seine Textmappe über unsere Häupter aus. Metallig glänzende Texte, stinkend nach Gebrauchswert, ungefeilt, wie herausgefetzt aus dem Bleistrom der Zeiten, armer Chiron, daß du die Extreme in dich hineinholen willst. Du weißt, wohin das führen kann. Daß du es nach wie vor nicht bequem haben willst.
Du aber sagst: Ich allein bin mir zu wenig. Trauriger Pegasus, der du Chiron heißt, darum schnaubst du so (unseriös!) und hechelst, nach vorn, nach vorn! Der ist ja verrückt, sagen einige deiner Freunde. Mag sein, aber die Kinder und die Narren, was plapperten die, wie hieß das doch gleich?

Steffen Mensching





Det är sedan mer än 30 år tillbaka jag tycker om Wenzels dikter och sånger - och hans visa om den vilda vallmon har hört till mina absoluta favoriter. Alltid.


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