Freitag, 29. Februar 2008

Unsere Bushaltestelle

Früher hatten wir Sozialismus. Und viel Beton. Wir hatten Mauern aus Beton - und wir hatten Bushaltestellen aus Beton. Heute haben wir Freiheit. Und wir haben gläserne Bushaltestellen.


Ungefähr zweimal im Monat sieht unsere Bushaltestelle so aus.


Vår bushållplats

Tidigare hade vi socialism. Och mycket betong. Vi hade murar av betong - och vi hade bushållplatser av betong. Idag har vi frihet. Och vi har bushållplatser av glas.


Kommentare:

Claudia Duffé hat gesagt…

Ich glaube nicht, dass viel Beton viel hilft.
"Früher"(alles war NICHT besser!)waren wir spätstens 14 Uhr mit der blöden Schule fertig und durften kostenlos unseren Talenten nachgehen, in sehr gut organisierten, strukturierten und finanzierten Organisationen. Sport für die Sportlichen, Musik für dich, reiten für mich...ohne Prestige une Klassenunterschiede. DAS ist wahre Freiheit!!! Machen dürfen, was einen interessiert und weiter nichts!
Heute müssen die Eltern sehr viel und hart arbeiten um den Kinder Kleidung und Essen zu finazieren, studieren ist für viele Luxus und Hobbys was für Reiche...All die vielen Kinder, die nicht mehr machen dürfen,was sie interessiert und niemand da ist, der sie unter den Flügel nimmt, die rächen sich! Wozu hat man sie in die Welt gesetzt? Um in die Schule zu gehen und dann zuzusehen, wie die Priviligierten "Golfen" gehen.
Frust hat einen Grund, jeder Täter ist irgendwo ein Opfer...
Die Jungs die da randallieren brauchen Hilfe, nicht nur Verbote!
Und Beton lässt sich auch zerstören, wie die Berliner Mauer...

Keri hat gesagt…

Weißt du, dass mich mal jemand gefragt hat, ob ich meine Kinder lieber im alten System oder heute aufwachsen sehen würde. Ich hab 'ne kleine Weile überlegt. Aber dann habe ich doch ziemlich entschieden geantwortet. Damals hatte jeder 'ne reale Chance. Wirklich jeder. Heute sind viele von vornherein außenvor, bloß weil sie im falschen Stadtteil aufwachsen. Ich habe täglich mit diesen jungen Leuten zu tun - und es gibt sogar eine ganz offizielle Bezeichnung für sie: benachteiligte Jugendliche.

Claudia Duffé hat gesagt…

Ja, dass Geld die Welt regiert ist eine der schmerzlichsten Erfahrung in diesem viel zu kurzen Leben.
Nein, jeder hat nicht seine Chance.Wenn man das Bewusstsein der jungen Leute vergrössern könnte, dass sie es noch schlimmer machen, wenn sie sich hängen lassen...
Aber welche Kindheit, wenn man schon einen starken Willen und ewige Disziplin in diesem Alter verlangt.
...Und ihnen nicht viel an Unterhaltung, Kultur und Sport bieten kann...
Dies ist meine letzte Nachricht vor erneuter "Ruhepause".
Nur die Mailbox läuft noch, surfen kann ich zu hause nicht (bin in der Schule)...
Tschüssi

eadha hat gesagt…

Ich bin ehrlich gesagt froh, dass meine Schullaufbahn nach Leistungen entschieden wurde und nicht nach political correctness.... Ich wäre - wie meine Eltern und Großeltern auch - nicht konform mit diesem System gewesen... Ich hätte nie die Möglichkeiten, die ich habe, wäre vielleicht nicht mal - aus politiscvhen Gründen - an eine Universität gekommen....
Wenn ich im Geschichtsstudium über Sozialismus-quellen sitze, fällt eine auf: vieles, was an Freizeitangeboten da war, war genauso politisch gefärbt wie die Schule.

Ich will eins nie eintauschen müssen: meine Freiheit.
Die Freiheit, zu sein, wie ich bin, die Freiheit, zu denken, was ich möchte, die Freiheit, frei über Landesgrenzen zu kommen, ohne das jemand notiert, wie oft ich das getan habe, frei, Sprachen lernen zu können, die ich liebe....

Keri hat gesagt…

Ich verstehe sehr gut, was du meinst, eadha. Gläubige Christen gingen oft nicht zu den Pionieren oder in die FDJ - und das wurde ihnen übel genommen. Dass das System so paranoid war, hat wohl letzten Endes auch zu seinem Untergang beigetragen.

Aber die Sache mit der "organisierten" Freizeit sehe ich ein bisschen anders. Verordnete Kultur finde ich immer noch besser als gar keine Kultur. An meiner Musikschule damals spielte Politik jedenfalls keine Rolle. Und Sprachen gelernt habe ich drei Stück - und gereist bin ich damals viel mehr als heute die meisten meiner Jugendlichen, die oft nicht mal über ihren Kiez hier in Berlin hinausgekommen sind.

Ich habe eine Freundin. Sie ist promovierte Biologin, war in Japan und kann kranke Seen wieder gesund machen. Aber bezahlen will keiner für das viele Wissen, das in ihrem Kopf steckt. Sie hat nun die Freiheit, in einem kleinen Laden asiatische Souvenirs an durchgeknallte Reiche zu verkaufen...

eadha hat gesagt…

ich glaube nicht, dass ich meine Sprachen, abgesehen von Englisch, hätte lernen können.... ich spreche fließend Französisch, verstehe in Ansätzen einige Worte Bretonisch.... ^^
Schwedisch.... vielleicht hätte ich das lernen können, aber sicher bin ich mir nicht....
Dass hier im Osten Deutschlands mehr Menschen Russisch als Englisch sprechen, auch die aus meiner Generation (ich war 3, als die Mauer fiel), finde ich teilweise trotzdem bedenklich. Nicht unbedingt wegen Russisch als Sprache, sondern weil man Englisch können muss, in der Schule, an der Uni, sicher auch im Berufsleben, je nach Richtung....


Klassenunterschiede wird es auch in der DDR immer gegeben haben, aber ob es so offensichtlich war, kann ich nicht beurteilen. Aber es gab immer Akademiker, immer weniger gebildete Schichten. Und die wird es auch immer geben. Und auch heute hat man im Grunde die Chance, sich durch Leistung nach oben zu arbeiten. oder nach unten, wenn man nichts tut.
Dass die gebildete Schicht relativ klein gehalten wurde, weil man nicht einfach an die Uni kam, ist eine andere Geschichte, aber es gab auch in der DDR die Schere zwischen arm und reich.... Mein Opa bekam seinen Lehrstuhl and er Burg in Halle aberkannt, hatte als Künstler Berufsverbot: weil er zu selbstsändig dachte und arbeitete....

Was heißt aufgezwungene Kultur ? Ich glaube, dass diejenigen, die wollen, immer rankommen. Warum auch immer, wenn man Angebote schafft, gehen meistens trotzdem nur die hin, die sowieso mit "Kultur" (welcher Art auch immer) in Berührung gekommen sind, auch wenn das Projekt dafür gedacht war, Menschen von den Bushaltestellen wegzuholen....

Keri hat gesagt…

Einer meiner Lieblingsschreiberlinge hat mal gesagt: "Wo ein Plus ist, da ist immer auch ein Minus."

Weißt du, vielleicht hatte ich damals mehr einen Plus-Blick und heute habe ich mehr einen Minus-Blick. Mich haben damals der Mangel und die Eingrenzung/Bevormundung nicht so sehr gestört wie heute der Überfluss auf der einen und die Verarmung auf der anderen Seite. Ja, es widert mich schon an, wie heutzutage ein großer Teil der Bevölkerung zu Marionetten der Konsumgesellschaft erzogen wird. Früher waren selbst (gewisse) Bücher Mangelware - aber was heute in den Buchläden die Tische durchbiegt, ist ja zum Teil völlig schauderhaft. "Die Memoiren eines flachwichsenden Torwartes" neben der 100.000sten Fibel "Wie bewerbe ich mich richtig"...

Und ich freue mich doch mit dir, wenn du fließend Französisch kannst. (Russisch ist allerdings wirklich wieder im Kommen - und nicht zu unrecht...) Meine Schwester würde ja heute auch nicht am Atlantik leben, wenn noch DDR wäre. Und meine schwedische Geschichte würde es gar nicht geben.

Aber lass uns vielleicht das Thema "Freiheit" nochmal diskutieren, wenn du dein Referendariat an einer Schule absolviert hast. zwinker Und bis dahin: Bleib ja schön neugierig, wissensdurstig und kritisch!